Denn immer immer wieder geht die Sonne auf

Ein sehr persönlicher Blogpost!

Heute ist Dein Geburtstag, aber ich konnte Dir nicht gratulieren. Du bist nicht mehr bei uns. Vor gut zwei Monaten, am 05. April 2022 um 17:15 Uhr, bist Du von uns gegangen. Nicht überraschend, aber dennoch final. Wir alle wussten, dass dieser Moment kommen wird, aber das macht es nur begrenzt weniger schlecht. Denn wenn der Moment gekommen ist, tut es trotzdem weh und ich vermisse Dich.

Ich habe nun gut zwei Monate gebraucht, bis ich überhaupt diesen Artikel schreiben konnte. Zwei Monate, in denen ich sehr viel an Dich gedacht habe, zwei Monate mit viel Trauer und viel Unwissenheit, wie es ohne Dich weitergehen soll. Es muss ja weitergehen, wird ja auch, aber es ist immer noch schwer zu verstehen.

Aber ich schreibe hier nicht, um zu klagen. Dieser Blogpost ist dafür da, Dir zu danken. Ich weiß nicht genau, ob ich das in den gut 51 Jahren, in denen wir uns gekannt haben, ausreichend gemacht habe. Ich habe es in den letzten Tagen vor Deinem Tod versucht, aber ich weiß nicht genau, wieviel Du davon noch mitbekommen hast. In den Jahren davon natürlich auch immer wieder mal, aber eben nie so bewusst. Vielleicht nie so deutlich. Deshalb möchte ich das hier in aller Öffentlichkeit noch mal für alle Zeiten festhalten.

Danke!

Danke für alle die wunderbaren Jahre, danke für alle die Dinge, die Du für mich getan hast. Denn es war nicht immer leicht für Dich. Nicht nur, weil ich sicherlich nicht der bravste Sohn auf Erden war (ok, ein bisl Rebellion gehört doch dazu, oder?), sondern weil das Leben Dir auch einige Herausforderungen abverlangt hat. Anfangs war es ja alles genauso, wie Du Dir das wahrscheinlich gewünscht hattest. Ein Mann, zwei Kinder, ein Haus. Klingt alles fantastisch. Doch es sollte anders kommen und die Reihe der Herausforderungen startete. Dein Mann, mein leiblicher Vater, ist sehr jung verstorben. Da war ich knapp 7 Jahre alt. Und dann stehst Du da, allein mit zwei Kindern und einem Haus. Aber Du lässt Dich nicht unterkriegen. Du kämpfst, wie Du es all die Jahre danach immer wieder getan hast. Bis zum Schluss. Du hast so vielen Widrichkeiten die Stirn gezeigt und hast immer nach vorne schaut und gekämpft. All die vielen Schicksalsschläge und Krankheiten hast Du angepackt und einen Weg gefunden. Und dabei hat Dir mein Vater Karl-Heinz (👉 ich nenne ihn Vater, weil ich ihn länger gekannt habe und er mich länger begleitet hat, als mein leiblicher Vater) immer zur Seite gestanden. Zusammen ward ihr irgendwie unschlagbar.

Danke!

Danke dafür, dass Du es immer wieder hinbekommen hast, uns Kindern so viel zu ermöglichen. Auch wenn gerade in den ersten Jahren nach dem Tod Deines ersten Mannes wenig Geld vorhanden war, Du hast es geschafft. Du hattest auch sehr viel Unterstützung. In der Familie, im Freundeskreis, im Dorf. Und das macht es so besonders für mich. Du hast mich so oft unterstützt. Auch wenn es vielleicht nicht immer genau das war, was Du Dir vorgestellt hast. Aber es gab oftmals einen Weg. Und einer der wichtigsten Wege in meinem Leben, den ich dank Deiner Unterstützung gehen konnte, ist meine Ausbildung und mein Beruf. Und das ist, wie es ich heute sehe, eher eine Berufung als Beruf. Ich weiß noch ganz genau, wie ich damals mit der Idee zu Dir kam, dass ich Fotograf werden will. Du warst anfangs nicht besonders begeistert, aber hast mich dennoch unterstützt, diesen Weg zu gehen. Das werde ich Dir nie vergessen!

Danke!

Und ja, es war ja nicht immer alles rosig zwischen uns. Wir hatten auch unsere schwierigen Zeiten. Aber das gehört ja auch dazu. Genau wie in der Fotografie braucht auch das Leben Sonne und Schatten. Und die Schatten-Seiten gab es natürlich auch. Aber die haben mich nie davon abgehalten, Dich zu lieben. Du warst meine Mutter. Das ist einzigartig. Und du wirst immer ein Teil von mir sein. Nicht nur, weil ich das ein oder andere von Dir geerbt habe (Stichwort „Ungeduld“ und „Haare“ 😁), sondern weil Du eine bemerkenswerte Frau für mich warst. Du wirst immer eine Inspiration für mich bleiben!

Danke!

Die letzten Wochen Deines Lebens waren sehr anstrengend, geprägt von viel Angst und Leid. Aber ich konnte bei Dir sein. An Deiner Seite. Du hast mich gebraucht und ich war da für Dich. Bis zur letzten Sekunde. Ich hatte mir so viel Gedanken gemacht, wie das sein wird, wenn Du von uns gehst. Der Moment, wie sieht der aus. Bin ich überhaupt anwesend, oder mache ich gerade ein Pause, esse etwas oder versuche ein paar Minuten zu schlafen? So viele Fragen, die mich gequält haben. Ich wollte unbedingt dabei sein, wenn Du gehst. Dich nicht im Stich lassen, Dich bei deinem letzten Schritt auf dieser Welt begleiten. Du hattest es verdient. Du solltest nicht alleine sterben.

Glücklicher Weise konnte ich am letzten Tag noch etwas lernen: Die Seele sucht es sich aus, wer anwesend sein darf oder auch nicht. Das klingt vielleicht merkwürdig, ist es aber nicht.

Danke!

Dieser Dank gilt all den Helfern, all den Freunden, Familie, Mitarbeiter des Altenheims, Palliativdienst und des Hospizvereins. Ohne sie wären die letzten Tage sicherlich ganz anders verlaufen. Ohne diese Unterstützung und Kooperation wäre es bei weitem nicht so würdevoll geworden. In Würde von dieser Welt gehen dürfen. Das ist ein Geschenk und für mich nicht selbstverständlich. Aber das haben wir hinbekommen. Weil Du es verdient hattest.

Und von der guten Fee vom Hospitzverein habe ich gelernt, dass eben die Seele sich es aussucht, wer im letzten Moment, beim letzten Atemzug dabei sein darf. Ich brauchte mir also gar keine Sorgen machen, dass ich diesen Moment verpasse. Denn ich hatte es nicht zu entscheiden. Die Entscheidung lag bei Dir. Und Du hast mich gewählt.

Danke!

Ich sollte bei Dir sein, wenn Du Deinen letzten Atemzug machst. Ich konnte Dich begleiten, Deine Hand halten, Dir noch mal zu lächeln, Dir sagen, dass Du keine Angst haben musst. Dich noch einmal sehen. Und mich dann verabschieden. Das werde ich Dir nie vergessen. Danke, dass ich dabei sein durfte.

Und immer wieder geht die Sonne auf

Mit diesem Lied von Udo Jürgens haben wir Dich am 22. April 2022 auf Deinem letzten Weg begleitet. Nun ruhst Du in Frieden, bist wieder bei Deinen Liebsten. Irgendwann sehen wir uns wieder. Bis dahin wirst Du immer bei mir sein. Das geht gar nicht anders.

Denn Du warst und bleibst meine geliebte Mutter.

8 Antworten

  1. Das ist so ein schöner Nachruf. Auch wenn ich deine Mutter nie kennenlernen konnte, weiß ich von deinen Erzählungen, dass sie genau das verdient hat.

    Ihr wart damals dabei, als mich die Nachricht ereilte, dass mein Dad gestorben war. Ich bin euch immer noch sehr dankbar, dass ihr damals zufällig bei mir wart.

    Und ich weiß, nicht zuletzt jetzt durch den Tod meiner Tante, wie schwer es ist, sich von jemanden zu verabschieden, auch wenn man weiß, dass es zu Ende geht.

    Der Tod ist leider irgendwie immer etwas endgültiges. Weil wir nicht wissen, was noch kommt. Aber ich bleibe bei der romantischen Vorstellung, dass wir uns alle irgendwie, irgendwo wiedersehen.

    1. Danke für Deine Worte. Ich kann mich noch sehr sehr gut an den Moment erinnern, als wir uns getroffen hatten und die Nachricht von dem Tod Deines Dads zu Dir kam. Ich habe die gleiche romantische Vorstellung und das wird auch sicherlich so sein. Wo auch immer wir uns alle wiedersehen, wir werden es…

  2. Dieser Nachruf bewegt mich. Mir wird beim Lesen klar, dass ich unsicher bin, ob ich selbst so etwas schreiben könnte oder würde, obwohl ich mich mit diesem Thema eigentlich häufig befasse.
    Sicher liegt das an meinem eher distanzierten Verhältnis zu meinen Eltern, dass leider auf Grund, der für junge studierende Eltern mit Kind schwierigen Verhältnisse in der Nachkriegszeit entstanden ist.
    Es freut mich um so mehr von Deiner Verbundenheit zu Deiner Mutter zu lesen. Wenn sie deine Worte noch lesen könnte, wäre sie sicher sehr glücklich darüber.

    1. Danke Rolf 🤗 Ich habe diesen Artikel bereits kurz nach ihrem Tod begonnen, doch konnte man ihn nicht fertig schreiben. Erst gestern, zu ihrem Geburtstag, habe ich es geschafft. Für mich ist es ein Teil der Trauerbewältigung. Aber mit Trauer geht jeder anders um. Und das ist völlig in Ordnung so. Meine Mutter war jahrelang sehr aktiv in Foren. Und ich bin seit gefühlt eine halbe Ewigkeit in diesem Medien unterwegs. Daher für mich eine gewohnte Umgebung. Dennoch habe ich sehr lange gebraucht. Meine Mutter ist etwas Besonderes für mich. Dad hat es so schwer gemacht. Aber ich bin froh, dass ich es noch schreiben konnte. Ist es mal raus, geht es mir wieder ein Stück besser und ich habe die auch in meiner Online-Welt verewigt.

      Ich bin davon überzeugt, dass sie das irgendwie irgendwo mitbekommt. Zumindest wird sie immer bei mir sein.

  3. Das hast Du gut von der Seele weg geschrieben, Achim! Meine Mutter mußte gehen als ich gerade 18 war und doch ist sie immer bei mir geblieben. Wenn ich mich zu entscheiden hatte, wußte ich immer was sie erwartet hätte, das hat mir stets geholfen! Sie hatte nicht viel Zeit, aber sie hat sie gut genutzt! Es ist immer der richtige Moment der entscheidet, wem schreib ich das. Also hast Du alles richtig gemacht!

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